Nierenfunktion im Alter Kreatinin kann bei Älteren täuschen: Was die GFR verrät

Autor: Dr. Vera Seifert

Im Alter verliert die Niere an Leistungsfähigkeit Im Alter verliert die Niere an Leistungsfähigkeit © Peakstock - stock.adobe.com

Im Alter verliert die Niere an Leistungsfähigkeit – doch Kreatininwerte verschleiern oft das wahre Ausmaß. Warum Cystatin C und die EKFC-Formel die Diagnostik deutlich präziser machen.

Bei älteren Patientinnen und Patienten ist es wichtig, die Nierenfunktion exakt zu erfassen, um eine Therapie einleiten oder die Dosierung von Medikamenten anpassen zu können. Verlässt man sich dabei allein auf den Kreatininwert, überschätzt man eventuell die Filtrationsrate.

Im Alter funktionieren die Nieren nicht mehr so gut, ein Abfall der GFR um 1–2 ml/min pro Jahr ab dem 39. Geburtstag ist normal, schreibt Prof. Dr. Ute Hoffmann, Krankenhaus Barmherzige Brüder, Regensburg. Davon abzugrenzen ist eine pathologische Nierenfunktionseinschränkung. Das Ziel besteht darin, das Stadium einer chronischen Nierenkrankheit (CKD) bestimmen zu können, das sich nach der GFR sowie der (Urin-)Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) richtet. Fällt die geschätzte GFR (eGFR) unter einen bestimmten Wert, ist eine nephrologische Konsultation indiziert (s. Kasten).

Altersbedingte Sarkopenie berücksichtigen

Zur Bestimmung der eGFR existieren verschiedene Formeln. Gängigste Grundlage ist das Kreatinin. Dieses Abbauprodukt des Muskelstoffwechsels wird mit konstanter Rate produziert und glomerulär frei filtriert. Allerdings geht im Alter häufig Muskelmasse verloren, dann fällt weniger Kreatinin an, das von der Niere ausgeschieden werden muss. Sie arbeitet dann nur scheinbar normal, die eGFR wird zu hoch eingeschätzt. Eine Sarkopenie lässt sich mithilfe bestimmter Tests erfassen, z. B. indem man die Handkraft (Dynamometer) oder die Beinkraft (Chair-Rising-Test) misst. Auch ein Blick auf die Hände kann aufschlussreich sein, weil die Interphalangealmuskeln bei Sarkopenie verschwinden. In dem Fall sollte man statt Kreatinin besser Cystatin C bestimmen, das unabhängig von der Muskelmasse filtriert wird. Das Verfahren ist allerdings teurer als die Kreatininmessung. Ein Option wäre daher, einmal Cystatin C zu bestimmen und mit dem eGFR-Wert auf Kreatininbasis zu vergleichen. Dann weiß man, um wie viel man Letzteren künftig nach unten korrigieren muss. Doch Vorsicht: Auch Cystatin C ist nicht frei von Einflüssen. So kann sich bei Entzündungen, Diabetes, Steroideinnahme, Nikotinkonsum und Adipositas der Wert ändern.

Am genauesten lässt sich bei älteren Menschen die Nierenfunktion einschätzen, wenn man eine Formel benutzt, in die Kreatinin und Cystatin C eingehen. In der sog. EKFC*-Formel sind außerdem Geschlecht und Lebensalter berücksichtigt.

Albumin-Kreatinin-Quotient zuverlässiger als Sammelurin

Besteht der Verdacht auf eine Nierenkrankheit, sollte man außerdem Albumin und Kreatinin im Urin bestimmen und die UACR berechnen. Ein Wert zwischen 30 und 300 mg/dl gilt als mäßig, ein Wert über 300 mg/dl als stark erhöht. Die aufwendige Untersuchung eines 24-Stunden-Sammelurins auf Albumin ist dagegen fehleranfällig und nur selten erforderlich, schreibt die Expertin. Auch eine mittels Teststreifen erfasste Hämaturie ist manchmal, aber nicht immer ein Hinweis auf eine Nierenkrankheit. Hat man eine CKD diagnostiziert, steht die Sono von Nieren und ableitenden Harnwegen an, um eine Obstruktion auszuschließen. 

* European Kidney Function Consortium

Quelle: Hoffmann U. Dtsch Med Wochenschr 2025; 150: 1397-1402; doi: 10.1055/a-2598-0659